Rückblick auf einen der jährlichen Holocaustgedenktage am 27. Januar:

Nie mehr die Augen verschließen

Realschüler setzen sich mittels beeindruckender Präsentation mit dem Holocaust auseinander

(Ein Bericht von Jan Christian Pinsch für die  Lipp. Landeszeitung am 29. Jan. 2013)

Bad Salzuflen-Schötmar. Anhand literarischer Texte und selbstgemalter Bilder haben sich Schüler der Klasse 10a der Eduard-Hoffmann-Realschule mit Auschwitz auseinander gesetzt. Das Ergebnis ihrer Arbeit zeigten sie am Sonntagabend in der Begegnungsstätte. Anlass war der Holocaust-Gedenktag, der zum Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz an die Gräueltaten des NS-Regimes erinnert.

?Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart.? Diesen Satz, den der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker geprägt hatte, griffen die Schüler auf. ?Das grausame Schicksal der Millionen Opfer des Nationalsozialismus ist für uns unbegreiflich?, erklärte Angelice Gronich. Den Schülern stockte ? ebenso wie den zuhörenden Gästen ? der Atem, als sie die Chronologie der unmenschlichen Verbrechen ins Gedächtnis riefen und Gedichte verlasen, die zumindest ansatzweise eine Annäherung an die schrecklichen Ereignisse ermöglichten. Darunter befand sich auch das Werk ?Und es war ein Tag? von Nora-Eugenie Gomringer, das Anni Bours beeindruckend vortrug: ?Und es war Weinen und es war ein Zug, und es waren Waggons und es war eine Rampe?.

Die Texte wühlten auf und erschütterten. Die Stimmung kam auch durch die musikalische Begleitung von Schülern der Musikschule unter der Leitung von Hannes Niedernolte zum Ausdruck. Gleiches galt für die düsteren Bilder, die die Schüler im Kunstunterricht angefertigt hatten.

Für die Schüler war die Schlussfolgerung eindeutig: Menschen dürfen nicht schweigen, wegschauen und sich heraushalten, sondern müssen hinsehen, den Mund aufmachen und sich einmischen. ?Jede humane und solidarische Gesellschaft ist auf Menschen angewiesen, die Zivilcourage zeigen?, betonte Schüler René Poganiatz.
Deutschlehrerin Birgit Schalk war stolz auf ihre Schüler, die den Abend in freiwilligen Zusatzstunden erarbeitet hatten.  (jcp)

 


Stolpersteine in Schötmar

 

(MS) Auch in Schötmar wird durch Stolpersteine an den letzten Wohnsitzen der deportierten und ermordeten jüdischen Mitbürgerg gedacht. Am 8.Dezember 2011 hat der Künstler Gunter Demnig die Steine verlegt. Die Lippische Landeszeitung berichtete über die Aktion. 

 

Mit dieser Aktion erinnert die Stadt an jüdische Mitbürger in Schötmars Nachbarschaft. Der Beschluss zu dieser Aktion war nach kontroverser Diskussion am 3. Februar 2010 vom Stadtrat gefasst worden:

Ratsbeschluss vom 3. Februar 2010
Die Stadt Bad Salzuflen beteiligt sich an dem von dem Künstler Gunter Demnig aus Köln entwickelten Projekt Stolpersteine. Zum individuellen Gedenken an die jüdischen Männer, Frauen und Kinder aus Bad Salzuflen und Schötmar, die während der NS-Zeit Opfer der Verfolgung geworden sind, soll jeweils auf dem Gehweg vor dem letzten frei gewählten Wohnsitz ein Stolperstein gesetzt werden. Die Durchführung der Aktion wird dem Bad Salzufler Ratschlag übertragen, der hierbei vom Stadtarchiv  unterstützt wird. Die Finanzierung des Projekts erfolgt ausschließlich über Paten, die vom Bad Salzufler Ratschlag angeworben werden.

Durch die Aktion Stolpersteine wird nun auch in Schötmar auf konkrete Häuser verwiesen, in denen jüdischen Menschen in Schötmar gelebt und gearbeitet haben. Die Stolpersteine laden ein zu alltäglicher Erinnerung. Dies geschieht in Ergänzung zur Erinnerung an all den anderen bedeutenden Orten mit jüdischer Geschichte.

 

 

Erinnerung an bestimmten Orten

Am wichtigsten und am besten erhalten ist zweifelsohne der auch während der NS-Zeit nicht zerstörte Friedhof der jüdischen Gemeinde Schötmars an der Oerlinghauser Straße. Die Stadt Bad Salzuflen unterhält ihn und auch die Zuwegung ist mittlerweile verbessert. Eine Gedenktafel und zahlreiche Grabsteine rufen die Geschichten der dort bestatteten Menschen ins  Gedächtnis. Zu fast jedem der dort bestatteten jüdischen Einwohner Schötmars gibt es Zeugnisse der Geschichte, die mit kundiger Führung neu in Erinnerung gerufen werden können.

Wenig übriggeblieben ist dagegen von der alten Synagoge an der  Aechternstraße. Im Zusammenhang mit der Pogromnacht am 9. Nov. 1938 wurde die Versammlungsstätte der Juden Schötmars niedergebrannt und später dann eingerissen. Immer noch gibt es Menschen, die sich an die Thorarolle erinnern, die nach der Zerstörung des Gotteshauses auf die Straße geworfen worden war, für gläubige Juden ein ungeheurer Frevel. Mit Zustimmung der Stadt wurde aus der Ruine in späteren Jahren zunächst ein Lager und später dann ein Wohnhaus. Die angefragte Einrichtung einer Gedenkstätte war in den 50er und 60er Jahren für die Verantwortlichen kein Thema. Als Erinnerungsort an jüdische Geschichte ist sie heutzutage darum  kaum noch erkennbar. Lediglich der maurische Fries unter dem Dach und die Überreste des nördlichen Seiteneingangs für die Frauen sind noch übriggeblieben. (Ausführliche Infos zur Synagoge gibt es auch in der Textreihe "Schötmar in alten Ansichten" Teil 5)

Ein dagegen noch existierendes und auch offiziell eingetragenes Denkmal für jüdische Geschichte steht in der Schloßstr. 19: Das alte Priesterhaus des Shlom Itzig erinnert mit seinem wertvollen alten Torbogen daran, das jüdische Mitbürger auch in Schötmar jahrhundertelang gleichberechtigt Seite an Seite mit ihren christlichen Nachbarn leben konnten. Der erhaltenswerte Segensspruch in deutsch und hebräisch spricht diesen Segen allen Menschen zu, die an dem früheren Haus am Marktplatz vorbeikamen. Der jüdische Bauherr Salomo Itzig aus einer Priesterfamilie mit dem Wappen der segnenden Hände hatte es nach einem Stadtbrand als erste wieder aufbauen können. Zahlreiche Heimatfreunde haben sich in den letzten Jahren mit eigenen Mitteln für das denkmalgeschützte Haus engagiert, das vom Besitzer selber nicht mehr unterhalten werden kann. Wie eine zukünftige Nutzung des denkmalgeschützten Hinterhauses direkt neben dem >Hotel am Park< aussehen könnte und wie der zweisprachige Torbogen geschützt werden kann, darüber gab es in der Vergangenheit immer wieder zahlreiche Ideen, die aber alle vor allem aus finanziellen Gründen nicht umgesetzt werden konnten.

 

 

Erinnerung zu bestimmten Terminen

Neben den begehbaren Erinnerungsorten gibt es im Jahreskreis auch in Schötmar zusätzliche Termine an denen sich Bürgergemeinde und Christengemeinde erinnern: Im Stadtteil Bad Salzuflen wird die Vergangenheit jährlich am 9. November an der alten Synagoge an der Mauerstraße in Erinnerung gerufen. Im Ortsteil Schötmar erinnert man sich seit einigen Jahren am Holocaustgedenktag 27. Januar an die Geschehnisse. Darüberhinaus gibt es in der ersten Märzwoche bundesweit die "Woche der Brüderlichkeit" und die christlichen Kirchen erinnern am Israelsonntag (10. Sonntag nach Trinitatis) an ihre Verbundenheit mit dem jüdischen Volk.

 

Erinnerung an bestimmte Menschen

Mit den Stolpersteinen wird an solche Menschen erinnert, die die Nazizeit nicht überlebt haben und deren letzter Wohnsitz Schötmar war. Einige konnten glücklicherweise der  Lebensbedrohung rechtzeitig entkommen. Viele Namen der Entkommenen sind in einschlägigen Publikationen aufgezeichnet. Die meisten sind mittlerweile verstorben.

Bei der Verlegung der Stolpersteine vor den einzelnen Häusern des letzten Wohnsitzes wurde derer namentlich gedacht, die dort gelebt haben. Die vom früheren Stadtarchivar Franz Meyer für den 8. Dezember 2011 erstellten Texte mit den Kurzbiographien der jeweiligen Personen sind hier dokumentiert.

Der letzte überlebende jüdische Mitbürger Schötmars aus der NS-Zeit ist der als 11 jähriger Schüler mit einem Kindertransport nach England geflüchtete Werner Katz aus der Schülerstraße. Nach seiner Rettung wuchs er dort bei Verwandten auf und wurde in England und den USA Professor der Philosophie.  Bei seinen zahlreichen Besuchen in Bad Salzuflen und Schötmar hat er in den letzten Jahrzehnten immer wieder den Kontakt zu früheren Nachbarn und Klassenkameraden in der Neuen Straße und in der Schülerstraße gesucht. Über seine Kindheit in Schötmar und seine späteren Begegnungen in Deutschland hat er im Jahr 2008 eine englischsprachige Autobiographie  veröffentlicht: "The blue salon an other follies - A Jewish Boyhood in 1930's Rural Germany" by Vernon Katz. (ISBN 978-1-4363-4856-0)