Wer war wer in Schötmar? 
Gesichter, Geschichten, Personen

Fortsetzungsreihe über historische Persönlichkeiten, die mit Schötmar verbunden sind.

 

Wer war wer in Schötmar? (1)
Dr. Ulrich Volkhausen alias Korl Biegemann

 

 

Ulrich Volkhausen wurde am 6. Februar 1854 als jüngstes von vier Kindern des Amtsmeiers Friedrich Volkhausen (1812-1864) und dessen Frau Henriette, geb. Faltmann (1821-1897), auf dem altehrwürdigen Amtsmeierhof Volkhausen (Bauerschaft Retzen und Papenhausen Nr. 1) bei Schötmar geboren. Seine drei Geschwister waren Hermine, verheiratete Meyer zu Hölsen (1845-1871), Gustav (1848-1903), der Anerbe des Amtsmeierhofes, sowie Auguste, verheiratete Hunecke (1851-1896). Im Kreise seiner Familie und der zahlreichen Bediensteten des ausgedehnten landwirtschaftlichen Betriebes seines Vaters verlebte Ulrich Volkhausen eine sorgenfreie Kindheit. Eigenen Angaben zufolge sprach er mit seinen Eltern, Geschwistern und Spielgefährten auf dem Hof nur plattdeutsch. Richtig hochdeutsch in Wort und Schrift erlernte er erst in der Retzer Dorfschule, die er ab dem 7. Lebensjahr besuchte. Nach drei Jahren wechselte er zum Leopoldinum in Detmold, wo er 1872 das Abitur bestand. Da nach dem Lippischen Anerbenrecht der Hof mit dem Tod des Vaters an seinen älteren Bruder übergegangen war, begann Ulrich Volkhausen nach seinem Schulabschluss ein Medizinstudium an der Universität Würzburg. Weitere Studienorte waren Göttingen und Leipzig; hier legte er im Februar 1877 sein Staatsexamen ab. Bevor er sich allerdings als Arzt niederlassen konnte, musste er seiner einjährigen Militärpfl icht genügen. Dazu trat er als Militärarzt in das Infanterie-Regiment Nr. 55 ein, für das er in Detmold und Minden Dienst tat. Zum 1. April 1878 übersiedelte er nach Schötmar, wo er als zweiter Arzt am Ort eine allgemeinmedizinische Praxis eröffnete. Im April 1881 verheiratete sich der junge  Doktor mit Anna Meyer zu Hölsen (1860-1888), die kurz nach der Geburt der zweiten Tochter verstarb. Im Oktober 1889 ging er daher mit Emma Niederschulte  (1870-1950) eine zweite Ehe ein. Aus dieser Ehe stammen wiederum zwei Kinder,  Philipp (1890-1970), der spätere Erbe des Amtsmeierhofes, und Anna (1894-1970). Noch vor der Geburt der Kinder ließ er in Schötmar ein eigenes Haus (Eduard-Wolff-Straße 3) errichten, in dem sich auch seine Praxisräume befanden. Zum 1. Januar 1894 wurde Ulrich Volkhausen zum Physikus (Kreisarzt) ernannt, womit er zahlreiche amtsärztliche Pflichten in einem riesigen Einzugsbereich von 247 qkm rund um Schötmar übernahm, die ihn viel Zeit und einen Teil seiner Gesundheit kosteten.  Letztere, so schrieb er später, liege auf der Straße nach Leopoldshöhe begraben.  Aus diesem Grund gab er zum 1. Januar 1899 seine Privatpraxis in Schötmar auf. 1904 wechselte er in den Physikatsbezirk Detmold, weshalb ein Umzug in die für ihn attraktivere Residenzstadt erfolgte. Gleichzeitig wurde er zum Sanitätsrat, ein Jahr später zum Medizinalrat ernannt.

Bereits in Schötmar hatte Ulrich Volkhausen, der mit seinen ländlichen Patienten durchweg plattdeutsch sprach, begonnen, unter dem Pseudonym Korl Biegemann humorige Gedichte zu schreiben und zu veröffentlichen. Seine erste Gedichtsammlung erschien 1900 unter dem Titel ?Twisken Biege un  Weern?, die mehrere Auflagen erleben sollte. Es folgten bis Mitte der 1920er Jahre weitere Gedichtbände, ein Band über Redensarten und Sprichwörter (1919), das Büchlein ?Iut Deppelts äolen Dagen? (1929) sowie einzelne Gedichte in verschiedenen Zeitungen. Alle Werke zeugen von einer großartigen Kenntnis von Land und Leuten und einem sicheren Umgang mit der von ihm gepflegten  ?Schötmarsken Mundort? des Lippischen Platt, von denen einige ihn jedoch als wenig liberalen und toleranten Menschen entlarven. Zum 1. April 1915 wurde Ulrich Volkhausen ?gesundheitsbedingt? in den Ruhestand versetzt, nachdem ihm im Zusammenhang mit Pockenerkrankungen im Detmolder Landkrankenhaus Versäumnisse zur Last gelegt worden waren. Bis zu seinem Tod am 14. Januar 1937 betätigte er sich dann literarisch, unternahm Badereisen oder verbrachte einige  Wochen auf dem von seinem unverheirateten Bruder geerbten Amtsmeierhof. Begraben wurde er  auf dem Schötmaraner Funeke-Friedhof. Die Stadt Detmold hatte den Dichter bereits 1934 mit der Ehrenbürgerschaft geehrt, in ganz Lippe sind Straßen nach ihm benannt. In der Großgemeinde Bad Salzuflen gleich zwei: die Volkhausenstraße in Bad Salzuflen und die Korl-Biegemann-Straße in Retzen.

Dr. Stefan Wiesekopsieker für
"Evangelisch in Schötmar" EiS, Informationsblatt aus den ev.-ref. und ev.-luth. Kirchengemeinden, Nr. 181 (4/2010-6/2010), S. 7-8

 

Wer war wer in Schötmar? (2)
Ernst Küster (1860-1909)

Ernst Küster wurde am 23. Oktober 1860 als ältestes von fünf Kindern des  Kaufmanns Friedrich Küster (1830-1874) und seiner Frau Pauline, geb. Limberg (1830-1907) in Schötmar geboren. Sein Elternhaus war das so genannte Küster-Haus (Schötmar Nr. 14), an dessen Stelle 1902 ein modernes Geschäftshaus (heute Begastraße 18) erbaut wurde. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts betrieb die Familie Küster hier einen Handel mit ganz unterschiedlichen Erzeugnissen. Neben Kolonialwaren wurden Haushaltsund Eisenwaren feilgeboten, darüber hinaus verkaufte man Sämereien und Dünger und sogar landwirtschaftliche Gerätschaften. Nach dem Besuch der Schötmaraner Volksschule sowie der weiterführenden Salzufler Rektorschule absolvierte Ernst Küster in einem Detmolder Geschäft, ähnlich dem väterlichen, eine kaufmännische Ausbildung. Die sich daran anschließende Militärzeit verbrachte er in Soest, um dann wieder in seinen Beruf zurückzukehren. Die  nächsten Jahre arbeitete er im elterlichen Geschäft, das nach dem frühen Tod des Vaters von seiner Mutter geführt wurde. Als ältester von drei Söhnen war Ernst Küster wohl am ehesten dazu bestimmt, dieses eines Tages in eigener Verantwortung zu übernehmen. Doch es sollte anders kommen. Der Überlieferung zufolge soll ihm ein Bielefelder Kammhändler vorgerechnet haben, dass bei der Produktion von Kämmen, die teuer und umständlich von Frankreich nach Deutschland eingeführt wurden, hohe Gewinne zu erzielen seien. Die Idee fiel auf fruchtbaren Boden, denn Ende Mai 1891 beantragte Ernst Küster die Einrichtung einer Kammfabrik beim Fürstlichen Verwaltungsamt, das umgehend die Genehmigung erteilte. Die  Produktionsstätte lag auf einem Grundstück am Begaufer (Schötmar Nr. 326, zuletzt  Krumme Weide 30), das ihm seine Mutter als Erbteil überlassen hatte, und bestand  anfangs nur aus einem Raum, in dem drei Leute beschäftigt wurden. Für finanzielle Unterstützung sorgte ein Vetter aus Lemgo, weshalb das Unternehmen bis 1911  unter Ernst Küster & Co. firmierte. Die Produktion von Kämmen, aber auch Haarschmuck ? zunächst aus den Hörnern argentinischer Rinder, die aufgeschnitten und in Platten zerlegt wurden ? begann am 18. November 1891; dieser Tag wurde  fortan als Firmengeburtstag gefeiert. Drei Jahre später wurde die Verarbeitung von  Horn aufgegeben; an dessen Stelle trat das 1868 in den USA entwickelte und seit  1887 auch in Deutschland fabrikmäßig produzierte Celluloid. Mit diesem frühen  Kunststoff konnten mit den gleichen Werkzeugen ebenfalls die bisherigen Erzeugnisse  hergestellt werden. Den größten Erfolg hatte das junge Unternehmen jedoch mit seiner ?Libelle?, einem Haarschließer, den ein Wiener Friseurmeister entwickelte hatte und dessen alleinige Herstellungs- und Vertriebsrechte sich Ernst Küster gesichert hatte. Der enorme Absatz der Küster?schen Produkte im In- und Ausland machte laufende Erweiterungen des Betriebes notwendig, und schon bald nach 1900 stieg die Zahl der Beschäftigten auf über 100 Köpfe an. Die seit dem 1.  Oktober 1892 bestehende Haltestelle Schötmar der Eisenbahnlinie Herford-Detmold,  die ja in unmittelbarer Nachbarschaft der Firma lag, trug ebenfalls zu ihrer positiven  Entwicklung wesentlich bei. Alsbald kam es zur Gründung weiterer Celluloid  verarbeitender Betriebe, wodurch Schötmar zu einem bedeutenden Zentrum dieser  Branche in Deutschland avancierte! Bereits 1895 hatte sich Ernst Küster mit Emma  Mestwerdt (1876-1946) aus Bremen verheiratet; aus der Ehe ging der Sohn Herbert (1896-1978) hervor, der später seinem Vater in der Leitung der Firma bis zu deren Aufl ösung Mitte der 1970er Jahre nachfolgen sollte. Für seine Familie ließ Ernst  Küster auf einem der Fabrik benachbarten Grundstück (Schötmar Nr. 229, zuletzt  Krumme Weide 32) eine stattliche Villa errichten. Besondere Aktivitäten entfaltete  Ernst Küster in der Schötmaraner Schützengesellschaft; als langjähriger Oberst und  Schützenkönig des Jahres 1886 stiftete er eine wertvolle Königskette, die während  der Besatzungszeit nach dem Zweiten Weltkrieg verloren gegangen ist. Ernst Küster  gehörte zu den Mitbegründern der heutigen Volksbank und ließ sich für die Liberalen  als Kandidat für die Landtagswahl des Jahres 1904 aufstellen. Auch im Bürgerverein  spielte er eine maßgebliche Rolle. Im fast vollendeten 49. Lebensjahr ist Ernst Küster am 27. September 1909 in Schötmar verstorben.

Dr. Stefan Wiesekopsieker für "Evangelisch in Schötmar" EiS, Informationsblatt aus den ev.-ref. und ev.-luth. Kirchengemeinden, Nr. 182 (7/2010-10/2010), S. 6-7

Wer war wer in Schötmar? (3)
Richard Sprick (1901-1968) 

 

Der weit über Lippe hinaus bekannte Maler Richard Sprick entstammte einem in Hörstmar bei Lemgo alteingesessenen Bauerngeschlecht, dessen Name erstmals im Jahre 1409 urkundlich erwähnt wird. Da Richard Spricks Vater Wilhelm (1865-1908) als nachgeborener Sohn keinen Erbanspruch auf den der Familie gehörenden und recht bedeutenden Hof hatte, erlernte er das Bäckerhandwerk und ließ sich in Herford nieder. Hier betrieb er sehr erfolgreich mehrere Bäckereien und plante sogar den Bau einer Brotfabrik. Bei seinem frühen Tod soll er jedem seiner fünf Kinder 20.000 M hinterlassen haben. Richard Sprick, am 3. Januar 1901 in Herford geboren, besuchte zunächst das Friedrichs-Gymnasium, bevor er zum Bielefelder Realgymnasium wechselte. Fest entschlossen, die künstlerische Laufbahn einzuschlagen, trat er 1919 in die Malerklasse der Staatlich-Städtischen Handwerker- und Kunstgewerbeschule in Bielefeld ein, im folgenden Jahr wurde er an der renommierten Kunstakademie in Kassel aufgenommen. Hier legte er im Juni 1922 die Zeichenlehrerprüfung ab, die ihm die Absolvierung eines einjährigen Referendariats an seiner früheren Schule in Herford ermöglichte. Anfang Oktober 1923 erhielt er schließlich eine Urkunde, durch die ihm attestiert wurde, die Befähigung zu haben, als Zeichenlehrer an einer Oberschule angestellt werden zu können. Doch Richard Sprick wollte sich zunächst künstlerisch weiterentwickeln und begab sich daher in die pulsierende Metropole Berlin. 1925 lernte er während einer Reise im Künstlerdorf Worpswede bei Bremen Lotte Heidelbach (1903-1997) kennen, die in den dortigen ?Kunsthütten? des Bildhauers Bernhard Hoetger (1874-1949) tätig war. Auch nach der Heirat (1926) blieb das Paar in Worpswede und war gänzlich in den Kunstbetrieb eingebunden. Beide Eheleute arbeiteten als freischaffende Künstler, und insbesondere Richard Sprick beteiligte sich schon damals rege an Ausstellungen. Als die ?Kunsthütten? nach Bremen verlegt werden sollten, zogen die Spricks nach Bochum um, wo Richard Sprick eine Stelle als Kunsterzieher annahm; gleichzeitig konnte er als Maler, vor allem als Porträtist, tätig sein. Die Bochumer Jahre waren eine überaus produktive Zeit. Dazu trug auch die enge Verbindung zum Bochumer Schauspielhaus unter der Intendanz von Saladin Schmitt (1883-1951) bei, mit dem die Spricks eine enge Freundschaft verband. Als ?Pressezeichner? lieferte Richard Sprick weit über 1.000 Zeichnungen von namhaften Schauspielern und Szenen der verschiedenen Aufführungen des Bochumer und anderer großer Theater. In diese Zeit fallen auch die Geburt der Tochter Karen (Jg. 1933), die Ausflüge in die Künstlerkolonie Willingshausen (Hessen) sowie zahlreiche Reisen, u.a. nach Ostpreußen, aber auch bereits nach Skandinavien und Italien. Bei einem Bombenangriff auf Bochum (Pfingsten 1943) wurde die Wohnung der Familie Sprick so schwer getroffen, dass sie nicht mehr bewohnbar war und geräumt werden musste. Mit der verbliebenen Habe übersiedelte man zu Verwandten nach Schötmar, wo in der Schülerstraße 11 ein Zimmer bezogen wurde. Umgehend setzte Richard Sprick seine künstlerische Tätigkeit fort. Viele Landschaftsbilder aus seiner neuen/alten Heimat sowie Porträts stammen aus diesen Jahren, sorgten sie doch für die notwendigen Einnahmen in Form von Geld oder Tauschobjekten, die im Krieg und in der Zeit danach den Lebensunterhalt sicherten. 1947/48 ließ er ein Atelierhaus in Form eines traufenständigen Fachwerkbaus (Neue Straße 1) errichten, das auf Grund eigener Entwürfe bis heute seines gleichen sucht! In den zwei verbleibenden Jahrzehnten war Richard Sprick ein enorm fleißiger Künstler: Es entstanden weitere Porträts namhafter Persönlichkeiten, wie Theodor Heuss (1884-1963) oder Heinrich Drake (1881-1970), Landschaftsbilder ? häufig inspiriert durch seine Reisen durch ganz Europa ?, Wandbilder für öffentliche Gebäude, Buchillustrationen, aber auch Postkarten und technische Zeichnungen. Darüber hinaus beschickte er fast jährlich Ausstellungen, vor allem im westfälischen Raum; wichtige Museen kauften seine Werke an. Nach kurzer, schwerer Krankheit verstarb Richard Sprick am 26. Januar 1968 in Bad Salzuflen. Frau und Tochter Sprick bemühten sich in der Folgezeit, die Erinnerung an den Künstler wach zu halten. Das Haus zu einem Museum umzugestalten, scheiterte aber trotz vielfältiger Anstrengungen. Der entscheidende Durchbruch zum dauerhaften Erhalt des künstlerischen Nachlasses und des Hauses konnte nun vor einigen Wochen erzielt werden: Der Nachlass wurde dem Lippischen Landesmuseum übergeben, das Haus verkauft, in die Denkmalliste eingetragen und wird nach aufwändiger Restaurierung bald wieder in altem Glanz erstrahlen. 

Dr. Stefan Wiesekopsieker für Evangelisch in Schötmar Nr. 183 

 

Wer war wer in Schötmar? (4)
Wilhelm Butterweck ( 1874-1943)

 

Wilhelm Butterweck wurde am 11. Juni 1874 in Lipperode in der ?lippischen Diaspora? als Sohn des Landwirts Dietrich Wilhelm Butterweck (1844-1886) und seiner Frau Dorothee Christine Alers (1843-1918) geboren. Die Familie lebte seit Jahrhunderten in Lipperode und bewirtschaftete den dortigen Hof Nr. 1 (heute Lippstadt-Lipperode, Zum Hof 16).

Zunächst besuchte Wilhelm Butterweck die Volksschule seines Hei­matortes, bevor er Ostern 1885 in die Sexta des Realgymnasiums in Lippstadt wechselte. Hier erlangte er im März 1895 das Reifezeugnis, auf dem bereits vermerkt ist, dass er Theologie studieren wolle. Da ihm jedoch als ?Realgymnasial-Abiturient? die Aufnahme eines solchen Studiums auf Grund fehlender Kenntnisse in den alten Sprachen verwehrt war, musste er noch ein Jahr lang das Gymnasium in Burgsteinfurt be­suchen und entsprechende Prüfungen ablegen.

Über seinen weiteren (beruflichen) Lebensweg notierte Wilhelm Butterweck in der von ihm verfassten ?Ge­schichte der Lippischen Landeskirche?: ?Er besuchte [...] die Univer­sitäten zu Berlin (1896-98), zu Erlangen (1898) und Marburg (1899). Seine erste theologische Prüfung bestand er am 13. Dezember 1899, seine zweite [am] 28. November 1901. Er wurde ordiniert zu Detmold am 22. Juni 1902 und war Hülfsprediger in Oerlinghausen vom 15.12.1900 bis 7.8.1904; Pfarrvikar in Schötmar vom 8.8.1904 bis 30. April 1905, zweiter Pastor in Blomberg vom 1. Mai 1905 bis 15. April 1907, Pastor in Elbrinxen vom 16. April 1907 bis 31. Mai 1908, 3. Pastor in Schötmar vom 1. Juni 1908 [an].? (S. 339).

Bereits während seines Vikariats in Schötmar beschäftigte sich Wil­helm Butterweck mit der Geschichte des aufstrebenden Amtssitzes. Seine mit großer Akribie zusammengetragenen In­formationen fasste er im Frühjahr 1905 in einem Vortrag unter dem Titel ?Aus Schötmars vergangenen Tagen? zusammen. Um die Ausführungen einem breiteren Publikum zugäng­lich zu machen, erschienen sie noch im gleichen Jahr in Buchform.

Bald nach der Übernahme seiner ersten festen Stelle in Blomberg hatte sich Wilhelm Butterweck am 19. Mai 1905 mit Martha Elmendorf (1879-1946), der Tochter eines Oerlinghauser Zigarrenfabrikanten, verheiratet. Aus dieser Ehe ging als einziges Kind die im Jahr nach der Eheschließung geborene Toch­ter Ilse (1906-1953) hervor.

Zum 1. Juni 1908 kehrte Wilhelm Butterweck nach Schötmar auf die neu ge­gründete (dritte) Pfarrstelle zurück. Der von ihm zu betreuende Pfarrbezirk umfasste einen großen Teil des Amtes Schötmar, und zwar Holzhausen, Wülfer-Bexten, Grastrup-Hölsen, Retzen-Papenhausen, Bexterhagen, Übbentrup sowie die Rittergüter Sylbach und Papenhausen. Der weitgestreckte Sprengel, dessen letzter Winkel über 7 ½ km von der Kilianskirche entfernt war, wurde damals von mehr als 3.200 Gemeindegliedern bewohnt.

Trotz aller beruflichen Anstrengungen fand Wilhelm Butterweck Zeit, sich (kir­chen-)geschichtlichen Forschungen zu widmen. Bereits 1910 erschien ein gut 100-seitiger Aufsatz über die ?Kirchengemeinde Schötmar?, im Jahr darauf folgte eine Darstellung zur ?Geschichte der Küsterei und der Schulen im Kirch­spiel Schötmar?, sodann ein noch heute lesenswertes Buch mit dem Titel ?Das Amt Schötmar in geschichtlicher Beleuchtung?. In den 1920er Jahre veröffentlichte er in verschiedenen Zeitungen oder Kalen­dern kleinere Aufsätze, 1923 erschien die Ortschronik ?Aus Schötmars vergangenen Tagen?. Sein bekanntestes und mit über 600 Seiten auch umfangreichs­tes Werk brachte Wilhelm Butterweck jedoch 1926 heraus: ?Die Geschichte der Lippischen Landeskirche?.

Auf Grund seiner Herkunft aus der Landwirtschaft genoss Wilhelm Butterweck bei der ländlichen Bevölkerung, und hier insbesondere bei den traditionsbewussten Großbauern, Ansehen und Vertrauen. So wurde er mehrfach gebeten, die Geschichte eines Hofes und der ihn bewirtschaftenden Familie zu schreiben, woraufhin zwischen 1913 und den frühen 1930er Jahren mehrere Hof- und Familienchroniken entstanden.

Im Frühjahr 1939 machte Wilhelm Butterweck ein Herzleiden so zu schaffen, dass er nach über 30 Amtsjahren in Schötmar um die Pensionierung nachsuchte. Im Ruhestand, den er in Bad Salzuflen verlebte, war Wilhelm Butterweck weiterhin kirchen- und regionalgeschichtlich forschend tätig. So finden sich im Nachlass Notizen zu einer Arbeit über ?Luther in Lippe? sowie über ein größeres Werk über den ?Lippischen Pfarrerstand?.

Am 9. Mai 1943 ist Wilhelm Butterweck in Bethel bei Bielefeld im Alter von fast 69 Jahren ver­storben. Sowohl durch die über ihn überliefer­ten Anekdoten als auch durch seine herausragenden Veröffentlichungen ist er bis heute unvergessen.

Dr. Stefan Wiesekopsieker für "Evangelisch in Schötmar" EiS, Informationsblatt aus den ev.-ref. und ev.-luth. Kirchengemeinden, Nr. 184 

 

Wer war wer in Schötmar? (5)
Gustav Wolff (1881-1965) 

 

 

 

 

Der spätere Rektor der Schötmaraner Volksschule und bekannte Vogelkundler Gustav Wolff wurde am 12. März 1881 in Wiembeck (Amt Brake) als zweitjüngstes der sieben Kinder seiner Eltern geboren. Rückblickend notierte der Sohn über seinen Vater: ?Von Beruf war mein Vater Holzhändler, der ganze Waldbestände aufkaufte und sie wesentlich zu Eisenbahnschwellen und Grubenhölzern an Ort und Stelle verarbeiten ließ. Durch zähen Fleiß und größter Sparsamkeit, verbunden mit Einfachheit hatte es mein Vater zu Besitz und Wohlstand gebracht, so daß er seine Kinder sämtlich für einen Beruf ausbilden lassen konnte.? Die Mutter ? das sei nicht unterschlagen ? versah eine kleine Landwirtschaft, die ebenfalls zur positiven Entwicklung der finanziellen Verhältnisse beitrug.

 

Von Ostern 1887 bis Ostern 1895 besuchte Gustav Wolff die Volksschule in Wahmbeckerheide, erhielt aber schon zusätzlich Privatunterricht in Bentrup bei Heiden. Beseelt von dem Gedanken, selbst Lehrer zu werden, trat er 1895 in die Detmolder ?Präparandenanstalt? ein, die ihn zwei Jahre lang auf den Besuch des ebenfalls in Detmold befindlichen Lehrerseminars vorbereitete. Nach dem Bestehen der ersten Lehrerprüfung im April 1900 trat Gustav Wolff eine Stelle als Nebenlehrer in Bentorf (Amt Hohenhausen) an. In dieser dörflichen Abgeschiedenheit bereitete er sich nicht nur auf die zweite Lehrerprüfung vor, sondern erhielt auch erste Anregungen zu vogelkundlichen Studien, und zwar seitens des dortigen Hauptlehrers Hermann Schröder (1860-1909).

Nachdem er im Oktober 1903 die abschließende Lehrerprüfung bestanden hatte, verlobte er sich mit Minna Schröder (1877-1959), einer Tochter seines Bentorfer Kollegen; die Eheschließung erfolgte im Oktober 1905. Obwohl Gustav Wolff seit 1902 an einer Lemgoer Volksschule unterrichtet hatte ? im Glauben, hier schneller an eine Hauptlehrerstelle zu gelangen ?, kehrte er zum 1. November nach Bentrup zurück und ?beerbte? seinen Schwiegervater im Amte des Hauptlehrers nach dessen Pensionierung. Bei einem Jahresgehalt von gut 1.300 M sowie freier Nutzung einer Dienstwohnung nebst Ackerland führte er das auskömmliche Leben eines Dorfschullehrers; alsbald vergrößerte sich die Familie durch die Geburt zweier Kinder: Erich (1907-1982) und Hildegart (1908-1975).

Zum 1. Mai 1910 übersiedelte Gustav Wolff mit den Seinen nach Schötmar, wo er eine besser besoldete Stelle an der Volksschule am Kirchplatz antrat (Jahresgehalt: 1.600 M). Bereits ein Jahr später bezog die Familie einen von ihr an der Lageschen Straße 4 errichteten Neubau. Militärisch als ?dauernd untauglich? eingestuft, nahm er am Ersten Weltkrieg nicht teil, sondern hielt währenddessen mit sechs weiteren Kollegen den Schulbetrieb für über 1.000 Kinder aufrecht. Im denkwürdigen Jahr 1921 ? Schötmar erhielt zum 1. April die lang ersehnten Stadtrechte ? übernahm Gustav Wolff die Leitung der Volksschule. Schon im folgenden Jahr wurde unter seiner Regie mit dem Bau des dringend benötigten, neuen Schulgebäudes begonnen, das 1923 seiner Bestimmung übergeben werden konnte.

Die schon in Bentorf durchgeführten vogelkundlichen Beobachtungen, die bereits mit fotografischen Aufnahmen einhergegangen waren, wurden in Schötmar intensiviert und mündeten seit den 1920er Jahren vermehrt in Aufsätzen in Zeitungen, Fachzeitschriften und Kalendern, aber auch in umfangreicheren Büchern, wie z.B. ?Am Nest? (1922), ?Vögel der Heimat? (1924) oder ?Die lippische Vogelwelt? (1925). Nach und nach erwarb sich Gustav Wolff den Ruf eines ernst zu nehmenden Ornithologen, der es jedoch verstand, seine Erkenntnisse volksnah darzustellen und somit einem größeren Kreis nahe zu bringen. Da er auch Vögel, u.a. Eulen, zu Hause gesund pflegte und mit Fleisch versorgte, kaufte er seinen Schülern gefangene Spatzen zu 10 Pf ab, was ihm den Namen ?Spatzen-Gustav? eintrug.

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten fühlte sich Gustav Wolff, der sich vor 1933 den staatstragenden liberalen Parteien zugeneigt gefühlt hatte, mehr und mehr seitens der NSDAP und ihrer Organisationen, insbesondere der HJ, gegängelt und kontrolliert. Aus ?gesundheitlichen Gründen? bat er daher um die Entbindung von den Aufgaben des Schulleiters, was ihm zum 1. April 1938 gewährt wurde. Fortan unterrichtete er als einfacher Lehrer an seiner Schule.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Gustav Wolff zunächst aus dem Dienst entlassen, erstritt die Wiedereinstellung, wurde aber zum 31. März 1947 mit Erreichen der Pensionsgrenze in den Ruhestand verabschiedet. Erst mit Verzögerung wurde seine frühere Stellung als Rektor bei der Berechnung seiner Pension anerkannt ? eine unverdiente Nachwirkung seines Widerstands gegen das Regime! Als Ruheständler widmete er sich verstärkt seinen geliebten vogelkundlichen Beobachtungen, dem Fotografieren und seinen Veröffentlichen. Noch einmal erschien eine Reihe von auflagenstarken Büchern: ?Aus Schilf und Rohr? (1951), ?Vögel des Waldes? (1951) sowie ?Das Nachtgespenst? (1959). Hochgeehrt verstarb Gustav Wolff am 31. Mai 1965 in Schötmar. 

Dr. Stefan Wiesekopsieker
für Evangelisch in Schötmar Nr. 185 (April-Juni 2011)

 

Wer war wer in Schötmar? (6)
Margarethe von Stietencron (1862-1937)

 

Margarethe von Lengerke, so ihr Mädchenname, wurde am 30. Oktober 1862 in Bremen geboren und entstammte einer alten niedersächsischen Familie. Ihr Vater, Dr. Heinrich von Lengerke (1825-1906), hatte sich zunächst als Syndikus der Bremer Handelskammer betätigt, bevor er 1864 das Rittergut Steinbeck bei Wüsten kaufte; 1868/70 ließ er oberhalb des Hofes ein neues Gutshaus im Stil eines englischen Herrenhauses errichten. Doch Heinrich von Lengerke spielte auch auf der politischen Bühne seiner neuen Heimat eine beachtliche Rolle. Als nationalliberaler Abgeordneter gehörte er seit 1876 fast 25 Jahre dem lippischen Landtag an ? dessen Präsident er ebenso lange war; von 1887 bis 1890 vertrat er Lippe zusätzlich im Reichstag. Unvergessen ist sein karitatives Wirken: Mit der Stiftung von 10.000 M legte er den Grundstein für ein Kranken- und Siechenhaus, aus dem das heutige Stift Wüsten erwuchs. Verheiratet war Heinrich von Lengerke mit Wilhelmine Smidt (1837-1899), die der berühmten Bremer Gelehrten- und Bürgermeister-Familie Smidt angehörte.

 

Mit ihren drei Brüdern verlebte Margarethe von Lengerke eine unbeschwerte Kindheit auf Gut Steinbeck und schlug dann den ihr vorgegebenen Weg junger adliger Frauen ein, verbunden mit dem Ziel, sich mit einem ebenbürtigen Partner zu vermählen. Dieser fand sich in Iwan von Stietencron (1844-1897), dem Eigentümer des Rittergutes Schötmar; die Eheschließung fand 1885 auf Steinbeck statt. Aus der Ehe gingen zwei Töchter und zwei Söhne hervor: Benedicta (1886-1951), Iwan (1890-1914), Heinz (1893-1915) und Carola (1897-1972). Da Iwan von Stietencron bereits 1873, nach dem Tod seines Vaters, sein Erbe angetreten hatte, stand der jungen Familie das gesamte Schötmaraner Schloss zur Verfügung, das der Gutsherr schon vor seiner Eheschließung nach eigenen Plänen hatte umbauen und modernisieren lassen.

 

Kurt Wallbaum (1924-2007) hat in seiner 1988 erschienenen Monografie über das Rittergut und das Schloss Schötmar ausführlich die Verdienste Iwan von Stietencrons geschildert, die vor allem darin bestanden, die Fläche des Gutes zu vergrößern und alte Reallasten durch die Zahlung einer einmaligen Summe Geldes abzulösen. Allerdings verkaufte er auch Ackerflächen an Bauwillige, wodurch er die Entwicklung Schötmars enorm förderte. Beispielhaft sei hier die Südseite der Asper Straße genannt, die zwischen 1886 und 1898 zwischen ?Tivoli? und Mühlenweg fast vollständig bebaut werden konnte. Großes Interesse brachte Iwan von Stietencron dem Schlosspark entgegen, in dem er seltene Bäume anpflanzen ließ. Gelegentlich stellte er ihn der Schötmaraner Bürgerschaft für Feste zur Verfügung.

 

Nachdem Iwan von Stietencron am 22. Dezember 1897 im Alter von 52 Jahren verstorben war, hinterließ er seine Frau Margarethe und vier unmündige Kinder. Erbherr auf Schötmar wurde der erst siebenjährige Sohn Iwan, dessen Rechte durch seine Mutter als Vormund wahrgenommen wurden. Damit lastete eine große Verantwortung auf Margarethe von Stietencron, die sich bis dahin kaum um die Bewirtschaftung und Verwaltung des Gutes gekümmert haben dürfte. Bravourös und mit großer Umsicht meisterte sie als Sachwalterin in den nächsten gut anderthalb Jahrzehnten ihre Aufgaben, wobei sie sich im Wesentlichen an den von ihrem Mann aufgestellten Leitlinien orientierte. Doch setzte sie auch zahlreiche eigene Akzente, deren Wirkungen bis heute spürbar sind.

 

So unterstützte sie, dem karitativen Engagement ihres Vaters folgend, maßgeblich den Bau des Schötmaraner Krankenhauses, für das sie nicht nur kostengünstig einen Bauplatz zur Verfügung stellte, sondern auch häufig Wohltätigkeitsveranstaltungen organisierte und mitgestaltete. Mit großer Energie verfolgte sie den grundlegenden Umbau des Schlosses, der in der Erweiterung des Mitteltraktes und der Verlegung des Eingangs von der Nord- zur Südseite hin kulminierte. Die 1913 begonnene Umbaumaßnahme war im Hinblick auf die anstehende Übernahme des Anwesens durch ihren ältesten Sohn durchgeführt worden, dem sie ein renoviertes und modernisiertes Schloss übergeben wollte. Doch es sollte anders kommen!

 

Im bald darauf ausbrechenden Ersten Weltkrieg fiel bereits in den ersten Tagen der Anerbe, ziemlich genau ein Jahr später auch sein jüngerer Bruder. Beide wurden in einer gemeinsamen Trauerfeier Anfang Dezember 1915 (zunächst) im Mausoleum beigesetzt. Ihr beider Soldatentod hatte zur Folge, dass Margarethe von Stietencron gemäß Familienvertrag das Rittergut an ihren Schwager Hartwig von Stietencron (1847-1932) übergeben musste. Sie selbst ? obwohl sie sich so für den Erhalt des Gutes eingesetzt hatte ? verließ Schötmar und lebte fortan in Bremen, wo sie am 6. Februar 1932 verstarb. Beigesetzt wurde sie jedoch vor dem Mausoleum im Park ?ihres? Schlosses.

 

Dr. Stefan Wiesekopsieker
für Evangelisch in Schötmar Nr. 186 (Juli -Oktober 2011)

 

 

 

Wer war wer in Schötmar? (7)
Gustav Beckmann (1887-1977)

 

Der langjährige Schötmaraner Bürgermeister und Stadtdirektor Gustav Beckmann wurde am 6. August 1887 ?auf der Knetterheide? geboren. Einfachen Verhältnissen entstammend, besuchte er zunächst die Volksschule in Schötmar, später die Realschule in Salzuflen. Zum 1. April 1902 trat er in den Verwaltungsdienst ein, und zwar beim Fürstlichen Verwaltungsamt Schötmar. Nach dem erfolgreichen Abschluss des Vorbereitungsdienstes wurde er zum 1. Oktober 1904 als ?Verwaltungsgehülfe? zum Verwaltungsamt Detmold versetzt. Wiederum anderthalb Jahre später wechselte er in den preußischen Staatsdienst und war zehn Jahre lang u.a. in Gelsenkirchen, Gescher und Recklinghausen tätig. Während des Ersten Weltkrieges, an dem er aus gesundheitlichen Gründen nicht teilnehmen musste, versah er in Dotzheim bei Wiesbaden das Amt eines Bürgermeisters (1916-1918). Zum 1. Januar 1919 trat er in die Dienste der Stadt Allenstein in Ostpreußen.

Parallel zu seiner jeweiligen Verwaltungstätigkeit, die ihn durch das halbe Deutsche Reich führte, nahm er jede Gelegenheit wahr, um sich für höhere Aufgaben weiterzuqualifizieren. So belegte er Anfang 1911 an der Beamten-Akademie in Berlin-Steglitz einen Amts-, Gemeindevorsteher- und Bürgermeister-Kursus, an dessen Ende er wie folgt beurteilt wurde: ?Seine gute Vorbildung befähigte ihn, den Vorlesungen leicht zu folgen; bei den praktischen Uebungen zeigte er, dass er den gebotenen Stoff beherrschte, dass er namentlich die gesetzlichen Vorschriften und Bestimmungen geschickt anzuwenden wusste und seine Arbeiten zeugten von rastlosem Fleiss ebenso, wie von peinlicher Gewissenhaftigkeit. Herr Beckmann verfügt über ein Wissen welches ihn sehr wohl zur Bekleidung eines selbstständigen Amtes befähigt. Er besitzt eine abgeschlossene Allgemeinbildung, hat gute Umgangsformen und zeigt sich im persönlichen Verkehr freundlich und zuvorkommend.?

Trotz seiner Weltläufigkeit war und blieb Gustav Beckmann aber Lipper und sehnte sich nach langen Wanderjahren nach seiner Heimat, weshalb er sich um die frei gewordene Stelle des Gemeindevorstehers in Schötmar bewarb. Unter 103 (!) Bewerbern entschied man sich für den mit besten Zeugnissen ausgestatteten gebürtigen Knetterheider, dessen erste Amtshandlung es war, den Antrag auf Erhebung Schötmars zur Stadt an die Landesregierung auf den Weg zu bringen. Tatsächlich erhielt der Ort zum 1. April 1921 die lang ersehnten Stadtrechte und schied aus dem gleichnamigen Amt aus. Folgerichtig durfte sich der Gemeindevorsteher von nun an Bürgermeister nennen. Trotz Inflation und wirtschaftlicher Schwierigkeiten ?regierte? Gustav Beckmann die kleine Stadt fortan durchaus erfolgreich ? in vielerlei Hinsicht stand sie besser da als andere lippische Städte.

Dennoch verschloss er als versierter Verwaltungsfachmann nicht die Augen vor der Realität und stellte früh Überlegungen zur Lebensfähigkeit kleiner und kleinster Gemeinden an. Schon 1925 sprach er sich in einer ?Denkschrift? für die Eingemeindung Ehrsen-Bredens, Teilen von Werl-Aspe, Wülfer-Bexten und Holzhausen in den Stadtbezirk Schötmar aus. Er ging sogar noch einen Schritt weiter: Im Zuge einer schrittweisen Annäherung sollte neben den umliegenden Gemeinden auch Salzuflen eine kommunale Einheit mit Schötmar bilden.

In der NS-Zeit blieb Gustav Beckmann erstaunlicherweise im Amt, obwohl er nie der NSDAP beitrat. Dafür ?rächte? sich das totalitäre System, indem es ihm eine Besoldungskürzung auferlegte, gegen die er jahrelang anging. Ebenso erstaunlich ist, dass Gustav Beckmann im Dezember 1945 von der Militärregierung in seinem Amt als Bürgermeister bestätigt wurde. Am 6. Februar 1946 erfolgte seine einstimmige Wahl zum Stadtdirektor nach der neuen Kommunalverfassung. Von Gewicht scheint dabei das Urteil seines späteren Nachfolgers Wilhelm Bergmann (1899-1982) gewesen zu sein, der als alter SPD-Mann zu Protokoll gab, ?dass der damalige Bürgermeister Beckmann mit dem Nationalsozialismus nichts zu tun hatte? und er ?seinen alten demokratischen Idealen voll und ganz treugeblieben war?.

Mit Genehmigung des NRW-Innenministeriums durfte Gustav Beckmann über seinen 65. Geburtstag hinaus Dienst tun, da ?viele Vorhaben noch nicht abgeschlossen? seien. Zum 31. August 1953 wurde er dann mit einem gemütlichen Beisammensein auf der ?Walhalla? in den Ruhestand verabschiedet. Zunächst noch in Schötmar wohnhaft, verzog er 1965 nach Hiddesen bei Detmold, wo er am 3. September 1977 ? kurz nach seinem 90. Geburtstag ? verstarb. Die von ihm Jahrzehnte zuvor favorisierte kommunale Neugliederung hat er somit noch erleben können!

Dr. Stefan Wiesekopsieker
für Evangelisch in Schötmar Nr. 187 (November bis Dezember 2011)

Wer war wer in Schötmar? (8)
Dr. Wilhelm Vehrling (1863-1931)

 

Wilhelm Vehrling wurde am 22. März 1863 in Winkelshütten (Amt Borgholzhausen, heute Kreis Gütersloh) als Sohn eines Landwirts und Hofbesitzers geboren. Nach Schötmar kam er erst im Alter von 30 Jahren, als er die Praxis von Dr. Albrecht Capellen (1830-1893) übernahm, der hier seit 1861 gewirkt hatte. Bald darauf erwarb er auch das Haus von der Witwe seines Vorgängers an der Gartenstraße (zuletzt Vehrlingstraße 4), in dem er dann über Jahrzehnte wohnte und seiner ärztlichen Tätigkeit nachging. Schon ein Jahr nach seiner Niederlassung hatte sich der junge Doktor mit Magdalene Upmeier (1869-1941) aus Jöllenbeck verheiratet; aus der Ehe gingen die Kinder Werner (1895-1968), der wie sein Vater Arzt wurde, Anna Liese (1897-1970), die als ?Tante Anneliese? im Schötmaraner Kindergarten bekannt und geschätzt war, sowie die Tochter Gertrud, später Meier (1904-1943), hervor.

 

Anders als sein langjähriger Schötmaraner Kollege Dr. Ulrich Volkhausen (1854-1937), dessen Verdienste um die Gesundheit der Einwohner des Ortes und seiner Umgegend unbestritten sind, galt Dr. Wilhelm Vehrling als zurückhaltende, ruhige, ja wortkarge Person, deren Diagnosen von den einfachen Menschen, also der Mehrheit seiner Patienten, auf Anhieb verstanden wurden. Und so scheute er sich ebenfalls nicht, an Sonntagvormittagen ? gleich nach der Kirche ? Sprechstunden abzuhalten, da er dafür Verständnis hatte, dass die Landbevölkerung während der Woche einfach keine Zeit hatte, einen Arzt zu konsultieren; tatsächlich soll das Wartezimmer zu diesen Zeiten besonders voll gewesen sein! In späteren Jahren suchte Dr. Wilhelm Vehrling seine Patienten auch mit einem Auto auf, das nach seinem Tod von der Schötmaraner Freiwilligen Feuerwehr angekauft wurde und fortan als Zugmaschine für das Löschfahrzeug und zum Transport der Mannschaft diente.

 

Trotz seiner beruflichen Belastung nahm sich Dr. Wilhelm Vehrling die Zeit, sich für das Wohl seiner Gemeinde Schötmar einzusetzen. Dabei war es ihm ein wichtiges Anliegen, die Erhebung Schötmars zur Stadt bei der Lippischen Landesregierung durchzusetzen, was ja schließlich zum 1. April 1921 gelang. Seit diesem Tag bekleidete Dr. Wilhelm Vehrling das Amt des 1. Ratsherrn und war damit der ständige Vertreter des Bürgermeisters. Bei seinem Ausscheiden aus allen politischen Ämtern (1925) bescheinigten ihm die Vertreter aller Parteien, dass er seine gemeindepolitischen Aufgaben mit vorbildlicher Pflichttreue versehen habe. 

 

Noch über zwei Jahrzehnte nach seinem Tod hieß es in einer Würdigung der SPD-nahen ?Freien Presse? vom 7. Juni 1952 anerkennend: ?In den rund fünfundzwanzig Jahren öffentlichen Wirkens ist eine ganze Reihe von wichtigen Aufgaben gelöst worden. Sie können hier unmöglich alle aufgezählt werden. Hervorgehoben werden mag aber des Dr. Vehrling Anteil an der Entwicklung der städtischen Versorgungsbetriebe. Vor allem bei der Einrichtung des städtischen Elektrizitätswerkes haben seine Anregungen gute Früchte getragen. Hier war er auch das gute Gewissen der jungen Stadt, das insbesondere auf die Erhaltung eines sauberen Orts- und Straßenbildes acht gab.?

 

Bereits zu Lebzeiten erhielt Dr. Wilhelm Vehrling, obwohl abhold allen öffentlichen Ehrungen, mehrere Auszeichnungen; u.a. wurde er am 30. Mai 1914 durch Fürst Leopold IV. zur Lippe (1871-1949) zum Sanitätsrat ernannt. Eine dauerhafte Ehrung wurde ihm bald nach seinem Tod am 13. Mai 1931 zuteil: Die Stadt Schötmar benannte die Gartenstraße, in der er so lange gewohnt und gearbeitet hatte, in Vehrlingstraße um. Das Doktorhaus im verwunschenen Garten wurde 1976 abgerissen; das Grundstück dient heute als Parkplatz. Und so ist es ein Glück, dass wenigstens durch den Straßennamen noch an diese Schötmaraner Persönlichkeit vergangener Tage erinnert wird.

 

Dr. Stefan Wiesekopsieker
für Evangelisch in Schötmar Nr. 188 (Weihnachten 2011-März 2012)

?Wer war wer in Schötmar?? (9)
August Weßel (1813-1868 )

August Weßel, langjähriger Pfarrer an der Kilianskirche, wurde am 7. Juli 1813 als Sohn des Schötmaraner Amtmanns Christoph Weßel (1766-1839) und dessen dritter Ehefrau Luise Kestner (1780-1847) in Schötmar geboren und entstammte einer alten lippischen Pastoren- und Beamtendynastie, die auch von seinen Nachfahren fortgeführt wurde. Innerhalb von genau 250 Jahren, nämlich zwischen 1704 und 1954, haben zehn aus dieser Familie hervorgegangene Theologen in verschiedenen Gemeinden Lippes ihren Dienst versehen. Darunter dürfte August Weßel (1861-1941), der Sohn des hier interessierenden gleichnamigen Vaters und spätere Generalsuperintendent der Landeskirche (1901-1930), wohl die bekannteste
Persönlichkeit gewesen sein. Nicht minder bedeutende Köpfe der Familie bekleideten hohe Ämter in der Verwaltung, bei deren Ausübung sie allesamt ein hohes Maß an sozialer Verantwortung zeigten.
Wilhelm Butterweck (1874-1943) schreibt in seinem Buch ?Die Geschichte der Lippischen Landeskirche? über den beruflichen und privaten Werdegang seines Vorgängers, der in Jena und Berlin Theologie studiert hatte, u.a.: ?[Er] wurde 1836 Landeskandidat. Im Jahre 1839 wurde er Konrektor in Salzuflen, am 7. März 1842 Hülfsprediger (2. Pastor) in Oerlinghausen, 1843 Gehülfe des Pastors Plesmann in Schötmar. Nach dem Tode des letzteren verwaltete er als Vikar die erste dortige Pfarrstelle, wurde am 6. April 1844 zweiter und 1864-1866 erster Pastor in Schötmar, von 1866 bis 1868 Generalsuperintendent in Detmold. Vom 2. August 1849 bis 11. Februar 1851 gehörte er dem lippischen Landtage an. Mit Rücksicht auf seine umfangreichen Amtsp? ichten legte er sein Mandat dann nieder. Seit dem 3. März 1847 war er verheiratet mit Christine Dorothee Hermine Hülsemann [1826-1915] aus Schötmar.? (S. 577).

Im Verlauf seiner über 20 Jahre währenden Tätigkeit in Schötmar regte August Weßel  zahlreiche Projekte an, die noch heute Bestand haben. Zunächst ist an die Stiftung Grünau zu erinnern, die auf seinen Vorschlag hin bei einer Versammlung im Schötmaraner Krug am 8. März 1848 als ?Rettungs-Anstalt für verwahrloste Knaben? gegründet wurde. Zur Verwirklichung der Weßel?schen Idee wurde ein Verein gegründet, der auf einer zum Hof Nacke in Ehrsen-Breden gehörenden Fläche entsprechende Gebäude errichten ließ; die Grundsteinlegung erfolgte im Juli 1849, eröffnet wurde die Einrichtung, die seit über 160 Jahren noch immer besteht, Anfang Oktober 1850. Bei seinen Bestrebungen hatte sich August Weßel übrigens insbesondere von den Ideen des Hamburger Theologen und Begründers des ?Rauhen Hauses? Johann Hinrich Wichern (1808-1881) leiten lassen.
Mit großem Engagement betrieb August Weßel den Neubau der Kilianskirche, zu dem erste Überlegungen bereits in den frühen 1840er Jahren aufgenommen worden waren. Zur Grundsteinlegung kam es indes erst im April 1850, die anschließende Bauphase erstreckte sich auf Grund immenser Kosten über vier Jahre. Durch freiwillige Hand- und Spanndienste, vor allem seitens der Bauern aus den umliegenden Dorfschaften, aber auch durch die Stiftung von Bauholz war es der Gemeinde gelungen, die Kosten nicht ins Uferlose ansteigen zu lassen. Am 26. Juli 1854 konnte das neue und nun weitaus größere Gotteshaus schließlich eingeweiht werden.

Gut vier Jahre später, im Mai 1858, wurde das Pastorenhaus der zweiten Pfarre an der heutigen Begastraße (Nr. 15) zusammen mit den beiden zum Marktplatz hin gelegenen Nachbarhäusern (Nr. 11 und 13) durch einen Großbrand vollkommen erstört. Umgehend wurde ein Neubau errichtet, der erst unlängst der Zufahrt zum Bega- Center weichen musste. Auch in den Wiederaufbau des neuen Pfarrhauses soll der rührige Pfarrer viel Energie investiert haben. Im Jahre 1866 wurde August Weßel vom lippischen Fürsten Leopold III. (1821-1875) zum Generalsuperintendenten mit Dienstsitz in Detmold berufen. Lange hat er seine neuen Aufgaben nicht wahrnehmen können, denn er verstarb bereits am 5. März 1868 im 55. Lebensjahr.

Dr. Stefan Wiesekopsieker
für Evangelisch in Schötmar Nr. 189 (April bis Juli 2012)