Erklärung vom Sinn und Zweck der Liturgie
(von Matthias Schmidt)

Bevor der Gottesdienst sonntags um 10 Uhr beginnt, wird die Gemeinde mit dem 10minütigen Geläut aller drei Glocken zusammengerufen. Die angekommenen Besucher des Gottesdienstes sprechen meist ein kurzes Gebet, bevor sie sich wenige Minuten vor Gottesdienstbeginn auf ihren Platz setzen.

Der Gottesdienst selber ist in drei Teile gegliedert. Manchmal kommen am Anfang und Ende des zweiten Teils noch die Feier der Sakramente Taufe oder Abendmahl hinzu. Die liturgische Ordnung orientiert sich an der Grundform I, wie sie im evangelischen Gesangbuch auf S. 1236 abgedruckt ist. In der folgenden Erläuterung wird aus Platzgründen die männliche Form der Amtsbezeichnung gewählt. Wo Pfarrer, Leiter oder Liturg steht, muss mit gleicher Berechtigung auch Pfarrerin, Leiterin oder Liturgin gelesen werden.

Teil 1: Eröffnung und Anrufung

Musik zum Eingang ? Mit Orgel- oder Bläsermusik wird der Gottesdienst feierlich eröffnet.

Nach der Eingangsmusik stellt der Leiter des Gottesdienstes, meist der Pfarrer, als Liturg die Überschrift, das Motto der Veranstaltung vor: Alles was geschieht, geschieht im Namen des dreieinigen Gottes. "Unser Anfang und unsere Hilfe stehen im Namen Gottes des Vaters, der Himmel und Erde geschaffen hat, der Bund und Treue hält ewiglich und nicht preisgibt das Werk seiner Hände." Eine schlichtere Formulierung ist das Votum: Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes.
Mit diesem Votum am Anfang korrespondiert der Segen am Ende des Gottesdienstes. Alles, was zwischen diesen Worten geschieht, ist Gottesdienst. Sie sind wie bei der wörtlichen Rede Anführungs- und Ausführungszeichen des Dienstes der Gemeinde in der Anwesenheit Gottes. Auch die Begrüßung der Anwesenden gehört in diesen Anfangsteil, dem dann das Eingangslied der Gemeinde folgt.  Mit dem Eingangslied stimmt sich auch die Gemeinde singend auf das Geschehen in der Kirche ein. Der Liturg und die Gemeinde stehen bzw. sitzen gemeinsam vor Gott, dem allein das Lob der Geschöpfe gebührt.

Der anschließend abwechselnd gesprochene Psalm leitet zum Gebet. Dem folgt das gemeinsam gesungene Gotteslob, das Gloria Patri, in der Liturgiestrophe "Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit." ( EG 177.2)
Dieser Erhöhung Gottes folgt die Selbsterniedrigung des Menschen, der sich seiner Schuld bewusst ist. Das, was Menschen allgemein oder im Konkreten von Gott getrennt hat, kommt im Kyrie zur Sprache. Der Liturg formuliert das in einem Sündenbekenntnis und die Gemeinde stimmt in dieses Bekenntnis der Schuld ein, indem sie Gott um sein Erbarmen bittet. Gleichzeitig begrüßt sie damit den ankommenden Herrn, den "KYRIOS". So singt sie dreimal das Kyrie in der Kilianskirche Schötmar auf deutsch:
"Herr erbarme dich, Christus erbarme dich, Herr erbarme dich." (EG 178.10 ) Wo Menschen Gott um sein Erbarmen anflehn, da lässt er sich bitten und streicht durch, was geschehen ist. Der Pfarrer oder ein anderer beauftragter Diener Gottes ist dann befugt allen "Bußfertigen" die bereits geschehene Vergebung durch ein
Gnadenwort erneut zuzusprechen. Die Gemeinde beantwortet das im
Gloria mit dem Lobgesang: "Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum, dass nun und nimmermehr, uns rühren kann kein Schade, ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn´ Unterlass , all Fehd hat nun ein Ende." (EG 179)
So vergegenwärtigt die Liturgie des Gottesdienstes Sonntag für Sonntag das Versöhnungsgeschehen. Mit dem anschließenden Gebet des Tages, -in einigen Kirchen auch Kollektengebet genannt, da es alles zusammenfasst -, wird der Eröffnungs- und Anrufungsteil abgeschlossen.
Die Bitte um das rechte Hören auf Gottes Wort leitet zum Verkündigungsteil über. Das Gebet schließt mit einer erkennbaren Formel, damit die Gemeinde mit "Amen" einstimmen kann.
Manchmal wird diese Zäsur im Gottesdienst noch dadurch hervorgehoben, dass an dieser Stelle der Chor oder ein Musikstück zum Einsatz kommt. Dieser Beitrag ist dann meist schon Überleitung zum zweiten Teil des Gottesdienstes in dem die Botschaft des Tages zum Ausdruck und zur Auslegung kommt.

Teil 2.: Verkündigung und Bekenntnis

Aus Ehrfurcht vor Gottes Wort erhebt sich die Gemeinde zu Beginn des Verkündigungsteils zur Schriftlesung zum Halleluja und zum Glaubensbekenntnis.
Nicht nur der Liturg, sondern auch andere Mitarbeiter im Gottesdienst kommen an dieser Stelle immer wieder zum Einsatz, wenn sie Gottes Wort verlesen. Die Texte werden meist nach der Leseordnung des Kirchenjahres ausgewählt, wie sie im Gesangbuch ( EG 1005 S. 1477 ff) abgedruckt sind. Dort stehen auch die Vorschläge für den Predigttext des Sonntags, für Lieder und Gebete. Wenn über den Evangelientext des Sonntags gepredigt wird, wird die alttestamentliche Lesung oder die Epistellesung gewählt. Weitere Schriftlesungen sind möglich und können mit einer Liedstrophe des Chores, der Gemeinde oder einem anderen Musikbeitrag voneinander abgesetzt werden. Wo Gottes Wort zu Gehör kommt, erklingt das Gotteslob. Entsprechend antwortet die Gemeinde auf die gehörte Schriftlesung mit dem gesungenen "Halleluja".(EG 181.3)

Das Sakrament Taufe
Wird im Gottesdienst jemand getauft, dann bekräftigt das erlebbare Sakrament Taufe die mündliche Verkündigung. Mit allen Sinnen, an Haut und Haaren darf der Täufling wahrnehmen, welche gute Nachricht von Gott ihm gilt: Du bist von Gott geliebt und angenommen. In der Kindertaufe kommt der Zuspruchcharakter dieser Botschaft besonders gut zum Ausdruck. Alle Menschen sind wie kleine Kinder auf Gottes bedingungslose Zuwendung angewiesen. Die Einsetzungsworte, das Gebet für den Täufling und die Auslegung vom Taufspruch zielen darauf hin, dass der Glaube aller Anwesenden gestärkt wird. Eltern und Paten versprechen, ihr Kind in diesen Glauben hinein zu erziehen. Die anschließende Taufhandlung an sich enthält eine Vielzahl solcher symbolischer Elemente, die die Gnadenzusage Gottes an alle Getauften unterstreichen: das weiße Taufkleid als Symbol der Reinheit, das fließende Wasser als Symbol der Reinigung und des Lebenselexiers, die Handauflegung als Segenszeichen. Der Name des dreieinigen Gottes und der Name des Täuflings werden in einem Atemzug genannt während das Wasser der Taufe über den Täufling fließt. Damit gehören sie ganz eng zusammen. Ein zusätzliches Symbol ist die Taufkerze: Wie die Flamme von der großen Christuskerze auf die kleine Kerze des Täuflings übergeht so soll der Getaufte etwas von Gottes Geist bekommen. Ein Dank- und Bittgebet und ein Tauflied schließen den Taufteil ab.

Auch in der möglichen Feier einer Kindersegnung kann diese Zuwendung Gottes zum Ausdruck kommen, wenn Eltern auf die Taufe an sich noch verzichten möchten. In der Frage der Kindersegnung oder Kindertaufe entscheiden sich die meisten aber für die Taufe. Anstelle der in der jüdischen Tradition üblichen Beschneidung bekommen so auch die Kinder der Christen von Anfang an Gottes Gnade in der Taufe zugesprochen.
Der Aspekt des öffentlichen Bekennens, der von Anfang an ganz prägend zum taufenden Handeln der Kirche dazu gehörte und für viele christliche Kirchen der wesentliche Teil des Sakraments Taufe ist, kommt in der Kindertaufe nur im Bekenntnis der Taufeltern, der Paten und der Gemeinde zum Ausdruck. Die den Glauben kräftigenden Elemente der Taufzusage kann das kleine Kind noch nicht verstehen. Insofern kommt die kräftigende Wirkung dieser Elemente beim Täufling selber nur wenig zum Zuge, weil es selbst noch keine aktive Erinnerung an das Erleben hat. Erst in der Rückschau kann es sich das unbewusste Erlebte aneignen.

In der evangelischen Kirche gehört zum taufenden Handeln der Gemeinde darum die kirchliche Unterweisung der Kinder und Jugendlichen hinzu. Sie erinnert an die Zusagen der Taufe. Die Kinder und Jugendlichen lernen ihr eigenes "Ja" zum Glauben zu sagen. Sie wachsen in den Gottesdienst der Erwachsenen hinein. Der kirchliche Unterricht im Vorfeld der Konfirmation dient dieser persönlichen Annahme und Vergewisserung im Taufbund. Die Zusagen der Kindertaufe sollen von jetzt an auf das eigene Leben angewandt werden. Für diejenigen, die noch nicht getauft sind, ist der Unterricht selber zugleich auch Taufvorbereitung. Soweit das Glaubensbekenntnis nicht schon im Taufteil gesprochen wurde, folgt der Schriftlesung und dem Halleluja das öffentliche Bekenntnis der Gemeinde. In der Regel spricht die Gemeinde stehend das apostolische Glaubensbekenntnis. Aber auch ein anderer verlesener Bekenntnistext ist möglich.

Das Thema der Woche und der Predigt wird im Lied vor der Predigt vorbereitet. In vielen Kirchen legt die Gemeinde an dieser Stelle auch ihr Opfer für die diakonische Arbeit der örtlichen Gemeinde zusammen. Der Kirchenvorstand der ref. Kilianskirche hat beschlossen, die Spenden für die diakonischen Aufgaben der Gemeinde in einem Diakoniekasten zu sammeln der am Eingang steht. Nach dem Gottesdienst wird am Ausgang wird für den jeweiligen Zweck gesammelt, der im Kollektenplan festgelegt wurde. Das Wichtigste im evangelisch-reformierten Gottesdienst ist die Verkündigung in der Predigt, in der der Pfarrer einen frei gewählten oder den vorgeschlagenen Bibeltext des Sonntags auslegt. Alle Lieder und Texte des Sonntags sind darauf abgestellt.

Die Sakramente
Taufe und Abendmahl, die ohne die Erklärung durch das Wort der heiligen Schrift keine eigene Wirkkraft haben, sind dem gepredigten Wort Gottes nachgeordnet. Die Predigt bekommt mit den Sakramenten Taufe und Abendmahl zwei zusätzliche sichtbare Wahrzeichen und Siegel zur Seite zu gestellt die den Glauben wecken und stärken sollen. In der evangelischen Kirche gibt es ausschließlich die Sakramente Taufe und Abendmahl, denn nur sie wurden von Jesus selber ausdrücklich eingesetzt. In den christlichen Kirchen, in denen Brot und Wein durch die Einsetzungsworte eine besondere Wirkkraft erhalten sollen, ist das Abendmahl ein eigener Gottesdienstteil.

Die Gemeinde antwortet auf die Predigt mit dem Lied nach der Predigt. In den anschließenden Bekanntmachungen wird mitgeteilt, wozu noch eingeladen wird, wofür gesammelt wird und wofür gedankt wird.

Kirchenarchitektur:
Die herausragende Stellung der Predigt im reformierten Gottesdienst kommt in vielen Kirchen auch in der architektonischen Anordnung zum Ausdruck. In einigen lippischen Kirchen gibt es große Kanzeln die direkt über dem Abendmahlstisch angeordnet die überragende Bedeutung der Predigt hervorheben. Wie in den meisten evangelischen Kirchen Deutschlands so findet sich nach einigen Umgestaltungen auch in der reformierten Kilianskirche Schötmar ein Abendmahlstisch in der Mitte, ein Lesepult (bzw. eine kleine Kanzel) an der Seite und ein Taufbecken an der anderen Seite. Die alles überragende große Kanzel wird nur noch bei voller Besetzung der Kirchenbänke auf der Empore benutzt, weil die Prediger auf der kleinen Kanzel im engeren Kontakt zur tatsächlich versammelten Gemeinde stehen.

Das Sakrament Abendmahl
Falls der Gottesdienst als Abendmahlsgottesdienst gefeiert wird, wird die Gemeinde hier am Ende des zweiten Teiles in die Bedeutung des Abendmahls eingeführt. Durch die Einsetzungsworte wird hervorgehoben, dass dieses Sakrament von Jesus selber eingesetzt wurde. Soweit das Sündenbekenntnis nicht schon im Eingangsteil des Gottesdienstes vorkam, hat es mit der Vergebungszusage hier seinen Platz. Die Gemeinde versammelt sich in einer oder mehreren Gruppen im Kreis um den Tisch des Herrn zur Austeilung. Das Brot und der Wein bwz. der Traubensaft werden mit den jeweiligen Spendeworten gegeben. Bei jeder Abendmahlsfeier sind die Einzelkelche und der Gemeinschaftskelch im Gebrauch. Im großen Kelch gibt es unter der großen Kanzel den Wein und in den kleinen Einzelkelchen an der Seite der kleinen Kanzel Traubensaft.
Beide Formen symbolischer Teilhabe an "Leib" und "Blut" Christi werden dabei zum Zeichen der Gegenwart Christi in seiner Gemeinde. Sie sind die von Gott selber eingesetzten pädagogischen Mittel um den schwachen Glauben in den Herzen zu kräftigen. Mit dem Friedensgruß und Segen geht jeder wieder an seinen Platz. Für das alles spricht der Pfarrer nach der Feier das Dankgebet.

Teil 3: Sendung

Die Abkündigungen eröffnen den Abschlussteil der Sendung. Der Pfarrer teilt mit, auf was die Gemeinde zurückschaut und was ansteht. Ein Wort zur Woche gibt Orientierung. Die Namen der Verstorbenen, der Getauften und der Heiratenden werden der Fürbitte empfohlen. So gehen Trauernde und Fröhliche aus dem Gottesdienst nicht ohne an diejenigen zu denken, die ihnen jetzt als Aufgabe auf den Weg gestellt sind. Die Anwendung dessen, was der Glaube in der Predigt gehört hat und was durch die Sakramente Taufe und Abendmahl bekräftigt wurde, wird in der Fürbitte, im Gebet des Herrn und im betenden Schlusslied zusammengefasst: "Der ewigreiche Gott woll uns bei unserm Leben ein immer fröhlich Herz und edlen Frieden geben und uns in seiner Gnad, erhalten fort und fort und uns aus aller Not erlösen hier und dort." ( EG 321,2 )

So sendet der Pfarrer die Gemeinde mit dem Segen in die Welt. Zum Empfang des Segens haben sie sich von den Plätzen erhoben und zur Musik am Ausgang nehmen die Gottesdienstbesucher noch einmal Platz um über das Gehörte nachzusinnen, bevor es mit frischer Kraft in die neue Woche geht.
Die Kollekte am Ausgang, das Opfer für die anderen, an die in der Fürbitte gedacht wurde, gehört zum Weg vom Gottesdienst am Sonntag in den Gottesdienst am Alltag.

© Pfr. Matthias Schmidt (2.Fassung Oktober 2011)