Trauerbegleitung

Eine Einführung aus der Reformierten Liturgie


Der Ablauf der kirchlichen Bestattung ist durch Herkommen und örtliche Gegebenheiten weithin vorgegeben und sehr vielfältig. Die Reformierte Liturgie bietet Beispieltexte für unterschiedliche Situationen der Trauerbegleitung.

Die Begleitung von Trauernden und die Sorge für eine menschenwürdige Bestattung Verstorbener ist ein Anliegen der christlichen Gemeinde, das bis in die frühe Zeit der Christenheit zurückreicht. Die christliche Gemeinde hat dieses Anliegen wahrgenommen auch zu Zeiten, wo an dem Tod eines Menschen allenfalls seine unmittelbaren Angehörigen Anteil nahmen, während die weitere Lebensgemeinschaft sich teilnahmslos verhielt. Der Glaube an das ewige Leben hat den Toten eine Würde gegeben, die sie in anderen religiösen und kulturellen Kontexten nicht besessen haben. Zugleich hat die christliche Gemeinde stets ihre Aufgabe darin gesehen, Trauernde mit dem Trost der Glaubenshoffnung zu ermutigen.

Erst vor vergleichsweise kurzer Zeit hat sich das Empfinden und eine ihm entsprechende Praxis herausgebildet, dass durch den Tod eines Menschen seine gesamte Lebenswelt und die ihn umgebende Gemeinschaft betroffen ist. Das hat dahin geführt, dass idealtypisch die gesamte Lebens- bzw. Wohngemeinschaft eines Menschen - in ländlichen Verhältnissen das ganze Dorf - an den Trauerfeierlichkeiten teilnahm und dem Verstorbenen »das letzte Geleit« zu geben sich verpflichtet sah. Sie erwies ihm damit »die letzte Ehre« und brachte seine soziale Existenz zu einem menschenwürdigen Abschluss. Der Tod des Einzelnen wurde als Bedrohung der gesamten Lebensgemeinschaft empfunden, die auf diese Bedrohung rituell reagierte. Das Trauergeleit zu gewähren, war vor allem eine Sache der Männer, den Sarg zu tragen und in die Erde zu senken, eine Aufgabe der unmittelbaren Nachbarn. Das kirchliche Handeln anlässlich eines Trauerfalls einschließlich der Bestattungszeremonie gewann damit über die persönliche Trauerbegleitung hinaus den Charakter einer »Sozial-Seelsorge«. Damit geriet auch der rituelle Vollzug der Beisetzung in einen anderen Kontext. Die Traueransprache gewann nicht ausschließlich, aber doch merklich den Charakter einer Rekapitulation des vergangenen Lebens. Dieses Element konnte die Ausschau auf das kommende Leben teilweise an den Rand drängen.

Es hat den Anschein, dass diese im 18. und 19. Jahrhundert herausgebildete starke soziale Einbindung des Todes eines einzelnen Menschen im Rückgang begriffen ist. Vielerorts hat sich die Trauergemeinde wieder auf die engere Familie, eventuell Freunde und Arbeitskollegen, nicht immer noch die Nachbarschaft, reduziert. In dem Maße, wie der Tod eines Menschen privatisiert und individualisiert wird, verliert auch die kirchliche Trauerbegleitung ihre öffentliche Funktion. Ihr einstiges Handlungsmonopol ist in großstädtischen Verhältnissen bereits heute Vergangenheit.

Die kurze Erinnerung an die geschichtliche, kontextuelle und kulturelle Bedingtheit der Bewältigung des Todes und der religiösen Elemente des Bewältigungsprozesses mahnt zur Vorsicht gegenüber Definitionen oder Aufgabenzuweisungen kirchlicher Trauerbegleitung, die einen scheinbar allgemeingültigen, zeitunabhängigen Charakter zu haben beanspruchen. Zwar sind Menschen zu allen Zeiten gestorben und haben dieses Ereignis, den Tod des anderen, zu allen Zeiten bewältigen müssen. Sie haben diese Bewältigung jedoch auf höchst unterschiedliche Weise geleistet. Heute existiert eine Vielfalt unterschiedlicher »Trauerkulturen« nebeneinander. Das kirchliche Handeln anlässlich eines Trauerfalls muss sorgfältig in die jeweils vorhandene »Trauerkultur« eingepasst werden, wenn es die Menschen und ihre Lebenssituation nicht verfehlen will. Es gibt keine allgemeingültige Sinnsetzung und Funktionszuweisung für kirchliches Handeln in diesem Bereich. Mancherorts wird sich kirchliche Trauerbegleitung bereits wieder auf die Aufgabe des persönlichen Trostzuspruchs und die Zusage der christlichen Hoffnung beschränken müssen, weil die »sozial-seelsorgerliche« Funktion schon nicht mehr gegeben ist. Diese Veränderung wirkt sich insbesondere auf die Traueransprache und die Gebete aus. Die unmittelbaren liturgischen Handlungsabläufe bleiben weitgehend unberührt, wenn man davon absieht, dass in individualisierten Lebensverhältnissen ein großer Trauerzug vom Wohnhaus zur Kirche und von dort zum Friedhof kaum noch stattfinden wird. Wenn dennoch ein Trauerzug öffentlichen Verkehrsraum nutzt, ist vielfach festzustellen, dass die Menschen nicht mehr wissen, wie man sich verhält. Der Tod ist schon kein öffentlich gestaltbares Ereignis mehr.

In individualisierten Trauersituationen kann die kirchliche Trauerbegleitung stärker auf die betroffenen Menschen eingehen, als es in einer »öffentlichen Zeremonie« früherer Zeiten möglich und geboten war. Dabei müssen sich Gebete und Traueransprache der Ambivalenz menschlicher Gefühle stellen: Neben der Trauer kann eine unerklärliche Wut auf den Toten, neben der Erleichterung, dass ein langes Leiden endlich zu Ende ging, kann ein Gefühl des Versagens oder der Schuld stehen. Manchmal ist die Trauer eingebettet in ein überwältigendes Gefühl der Dankbarkeit für ein gnädiges Ende. Hier können Worte der Anteilnahme oder des Trostes unter Umständen an den Betroffenen vorbeigehen.

Ein Trauergebet darf den Dank für das gelebte Leben, die Bitte um Vergebung für offengebliebene Schuld, die Hoffnung auf das zukünftige Leben und, im Blick auf den verstorbenen Menschen, auch Formulierungen enthalten, in denen der oder die Verstorbene Gott anbefohlen wird. Die evangelischen Kirchen haben stets eine betonte Reserve gegenüber der »Fürbitte für die Toten« gezeigt, jedenfalls wenn sie so gestaltet wurde, wie sie in der römisch-katholischen Kirche üblich ist. Sie gehen davon aus, dass wir durch unsere Fürbitte Verstorbenen nicht mehr »Gnade zuwenden« können. Andererseits haben evangelische Kirchen keine Schwierigkeit damit gehabt, einem Sterbenden einen »Sterbesegen« zuzusprechen. Die Form der tröstenden Zusage an den Noch-Lebenden wurde und wird als richtig empfunden. Die kirchlichen Trauerzeremonien, insbesondere die Trauerfeier, stellen im sozialen Erleben eine »Zwischenstation« zwischen Sterben und Gestorben-Sein dar: Sie sind »Übergang«. Darum können an einem Sarg oder Grab die letzten Verse von Psalm 121 gesprochen werden, die ja Anredecharakter haben, obwohl wir überzeugt sind, dass mit einem Toten keine Kommunikation mehr möglich ist. In der Schwellensituation der Bestattungsfeier ist es »stimmig«, ein solches anredendes Segenswort zu sprechen und sich dabei dem Sarg zuzuwenden.

Traueransprache und Gebete, aber auch die rituelle Gestaltung der Trauerfeier dürfen die harte Wirklichkeit des Todes nicht verschleiern. So sollte stets der Sarg in die Erde abgesenkt werden, obgleich dies für die Trauernden ein emotional hochbelastender Vorgang ist.

Wenn statt der Erdbestattung eine Feuerbestattung durchgeführt werden soll, bleibt der Ablauf der Zeremonie bis zum Abschluss des Trauergottesdienstes unverändert. Der Sarg wird alsdann zum Krematorium gebracht. Die Trauerzeremonie wird fortgesetzt, wenn die Beisetzung der Urne zu vollziehen ist.


Von den Verfassern erlaubter AUSZUG
Reformierte Liturgie -Gebete und Ordnungen für die unter dem Wort versammelte Gemeinde- im Auftrag des Moderamens des Reformierten Bundes erarbeitet und herausgegeben von Peter Bukowski  Arend Klompmaker  Christiane Nolting  Alfred Rauhaus Friedrich Thiele

© Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme
Reformierte Liturgie : Gebete und Ordnungen für die unter dem Wort versammelte Gemeinde / im Auftr. des Moderamens des Reformierten Bundes erarb. und hrsg. von Peter Bukowski,  ... - Wuppertal : Foedus, 1999

ISBN 3-932735-36-6 (Foedus-Verl.) ISBN 3-7887-1777-7 (Neukirchener-Verl.)

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