Kasualien

Eine Einführung aus der Reformierten Liturgie


Kasualien sind gottesdienstliche Handlungen. Es handelt sich bei ihnen um »Begehungen«. Diese gottesdienstlichen Begehungen erfolgen aus einem »besonderem Anlass«, der fast durchweg biografischer Natur ist.

Nach kurzem Überlegen wird deutlich, dass diese Definition unscharf ist. Warum zählen wir die Taufe nicht zu den Kasualien - wie es oftmals geschieht -, obgleich ihr Anlass doch biografischer Natur ist: Ein Mensch soll Gemeindeglied werden? Sind nicht auch Ordinations- und Einführungshandlungen Kasualien, gottesdienstliche Begehungen aus dem Anlass, dass Menschen einen besonderen kirchlichen Auftrag übernehmen? Andererseits zählen wir die Konfirmation zu den Kasualien, obwohl ein biografischer Anlass nicht erkennbar ist; die Konfirmation ist ihr eigener Anlass und wird, wie die Taufe, im Gemeindegottesdienst vollzogen.

Der Anlass der kasualen gottesdienstlichen Begehung liegt in der christlichen Biografie eines einzelnen Menschen bzw. eines Paares. Dennoch kommt in dieser Begehung nicht einfach der Einzelne mit der Gemeinde zum Gottesdienst zusammen. Neben dem Einzelnen und der Gemeinde, die sich oftmals auf den Pastor oder die Pastorin reduziert, tritt durchweg das soziale Beziehungsfeld personell in Erscheinung, dem der Einzelne zugehört. Kasualien sind niemals »rein kirchliche« Veranstaltungen; sie vollziehen sich stets in einem weiteren sozialen Kontext. Private, gemeindliche und gesellschaftliche Elemente fließen ineinander. Für das Gelingen der Begehung ist es wichtig, dass alle drei Dimensionen in dieselbe Richtung wirken. Das ist nicht immer selbstverständlich. Die Erwartungshaltungen der betroffenen Menschen wie auch der Sozialgemeinschaft, in die sie eingebettet sind, können im konkreten Fall in eine durchaus andere Richtung gehen, als es von der kirchlichen oder pastoralen Zielsetzung her vertretbar erscheint. Bei einem Trauergottesdienst möchte die Gemeinde bzw. der Pastor oder die Pastorin vielleicht die christliche Hoffnung angesichts des Todes zur Sprache bringen und zugleich die trauernden Angehörigen seelsorgerlich begleiten. Die Angehörigen und ihre weitere Familie erwarten wohl seelsorgerliche Begleitung und eine Stärkung der Glaubenshoffnung; sie möchten aber auch ihren Verstorbenen auf würdige Weise zu Grabe getragen sehen. Andere Anwesende, Freunde, Kollegen, Nachbarn, sind  gekommen, um dem Verstorbenen das letzte Geleit zu geben. Jede Kasualhandlung bewegt sich in einem Spannungsgeflecht, das nicht ignoriert, sondern wahrgenommen, berücksichtigt und gestaltet werden will.

Allen Kasualhandlungen ist gemeinsam, dass sie begleitenden Charakter haben. Menschen werden in einer bestimmten Lebenssituation ein Stück Weges von ihrer Familie, ihrem sozialen Umfeld und ihrer Gemeinde begleitet; offenbar deshalb, weil diese Begleitung notwendig und hilfreich ist.

Der religiöse Charakter dieser Begehungen liegt darin, dass sie Fürbitthandlungen sind. Sie werden deshalb auch als Benediktionen, Segenshandlungen, bezeichnet. Für Kasualhandlungen ist jedoch nicht nur charakteristisch, dass in ihnen Segen zugesprochen wird; das geschieht auch im Sonntagsgottesdienst. Bei Kasualhandlungen versammelt sich vielmehr eine Gemeinschaft von Menschen, die über die christliche Gemeinde hinausreichen kann, um für bestimmte Personen in ihrer Mitte den Segen Gottes zu erbitten. Kasualhandlungen sind gemeinschaftliche, auf bestimmte Personen und ihr Ergehen bezogene Fürbitthandlungen.

Kasuale gottesdienstliche Begehungen werden unternommen, weil in bestimmten Lebenssituationen die Begleitung durch Menschen allein nicht zureicht; es muss der Beistand Gottes erbeten werden. Die christliche Kirche nimmt mit ihrer Kasualpraxis eine Notwendigkeit positiv auf, die auch in außerchristlichen Lebensgemeinschaften empfunden und wahrgenommen wird. Wo es um »Segen« geht, ist immer das Menschsein als solches in seiner transzendenten Dimension betroffen. Die kirchliche Kasualpraxis steht vor der Aufgabe, diese religiöse Dimension auf christliche Weise zu gestalten. Dass diese Aufgabe nicht immer leicht zu bewältigen sein wird, steht außer Frage.

Kasualien werden als Amtshandlungen bezeichnet, weil sie, zumindest einige, auch einen kirchlichen Rechtsakt darstellen. Aus diesem Grund wird die Taufe gelegentlich den Kasualien zugerechnet, weil sie die Verleihung der Mitgliedschaft in sich schließt. Die Konfirmation ist in vielen Kirchen mit dem Erwerb der vollen kirchlichen Rechte verbunden. Auch die kirchliche Trauung wird mancherorts zur Voraussetzung der Wahrnehmung der vollen kirchlichen Rechte gemacht; ihre Rechtsnatur bezieht sich seit Einführung der Zivilehe jedoch nicht mehr auf das Zustandekommen der Ehe. Der Rechtscharakter einer kirchlichen Bestattung ist schwer anzugeben.

Die Trauung und die kirchliche Trauerbegleitung sind nicht in den sonntäglichen Gemeindegottesdienst integriert, sondern werden in einem Gottesdienst »aus Anlass von . . .« begangen. Ungeachtet des Umstandes, dass Kasualien in ihrem Kern Fürbitthandlungen sind, sind sie doch immer mit einer Wortverkündigung verbunden, in der das biblische Zeugnis und die Lebenssituation eines Menschen aufeinander bezogen werden. Die Kasualhandlungen werden daher von den Personen vollzogen, die mit der öffentlichen Wortverkündigung beauftragt sind. Aus ihrem Charakter als Amtshandlungen folgt, dass an ihrer Durchführung andere Mitglieder des Presbyteriums beteiligt werden können, insbesondere bei der Konfirmation.

Der Kasualhandlung geht in der Regel ein Kasualgespräch voraus. Dieses und die Gestaltung der Handlung selbst unterstreichen die seelsorgliche Dimension der Begehung.

Außerdem sind soziologische und sozialpsychologische Aspekte zu bedenken:

Bedeutung und Gestaltung der Kasualien werden von dem Wandel der kirchlichen und gesellschaftlichen Lebenssituationen nicht unberührt bleiben. Eine Volkskirche innerhalb einer bürgerlich geprägten Gesellschaft nimmt in ihrer Kasualpraxis die Funktion der öffentlichen Religion wahr. Sie vermittelt zwischen der öffentlichen und der privaten Sphäre der Gesellschaft und verzichtet darauf, die religiöse Motivation der Teilnehmenden auf ihre Christlichkeit zu befragen.

Sie verwirklicht die grundlegenden Formen gemeinschaftlichen Lebens und lässt sie sichtbar werden. Die Aufnahme in den sozialen Verband wie dann die Ausgliederung aus ihm werden durch Taufe und Bestattung symbolisch dargestellt und damit zugleich vollzogen.

Ebenso wird eine Status-Änderung im Lebensgang (Konfirmation, Trauung) durch die rituelle Begehung nicht nur sichtbar gemacht, sondern zugleich in Kraft gesetzt. Die Ordnungen des sozialen und des individuellen Lebens werden so Teil des persönlichen Erlebens und damit in die Person integriert. Die rituelle Begehung von Schwellensituationen überzeugt den einzelnen zugleich von der prinzipiellen Offenheit seines Lebensvollzugs.

Die Kirche nimmt mit ihrer Kasualpraxis einen Dienst in der Gesellschaft wahr, der sie in einen spannungsreichen Gegensatz zu ihren eigenen religiösen Intentionen bringen kann. Bislang ist noch nicht abzusehen, welche Veränderungen auf die kirchliche Kasualpraxis zukommen werden, wenn die Kirche einmal nicht mehr »Volkskirche« und die soziale Lebenswirklichkeit nicht mehr »bürgerliche Gesellschaft« sein sollte.

Die Reformierte Liturgie bietet keine Formulare für sog. Realbenediktionen. Sie folgt damit der gemeinreformatorischen und in allen evangelischen Kirchen durchgehaltenen Entscheidung, keine Handlungen zu vollziehen, durch die Gegenstände mit übernatürlichen Kräften ausgestattet werden sollen. Soweit im evangelischen Bereich »Einweihungshandlungen« vorgenommen werden, gelten sie nicht den Gegenständen, die in Gebrauch genommen, sondern den Personen, die damit umgehen werden.


Von den Verfassern erlaubter AUSZUG
Reformierte Liturgie -Gebete und Ordnungen für die unter dem Wort versammelte Gemeinde- im Auftrag des Moderamens des Reformierten Bundes erarbeitet und herausgegeben von Peter Bukowski  Arend Klompmaker  Christiane Nolting  Alfred Rauhaus Friedrich Thiele

© Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme
Reformierte Liturgie : Gebete und Ordnungen für die unter dem Wort versammelte Gemeinde / im Auftr. des Moderamens des Reformierten Bundes erarb. und hrsg. von Peter Bukowski,  ... - Wuppertal : Foedus, 1999

ISBN 3-932735-36-6 (Foedus-Verl.)     ISBN 3-7887-1777-7 (Neukirchener-Verl.)

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